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Gasentladungs- und Plasmaphysik in Greifswald von Prof. Dr. Alfred Rutscher Nachdem an der damals bereits 400 Jahre alten Greifswalder Universität in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Physik durch Errichtung eines eigenen Lehrstuhles (29.6.1853) und die Gründung des Institutes (12.5.1857) als selbständiges Fach etabliert war, vergingen noch mehrere Jahrzehnte, bis auch auf diesem Gebiet die kleine Provinzial-Universität den internationalen Standard erreicht hatte. Die materielle Voraussetzung bestand dafür in der Errichtung eines neuen und modernen Institutsgebäudes, das wiederum Voraussetzung für die Berufung international bedeutender Forscher und Lehrer war. Das neue Institut wurde 1889-1891 erbaut. Sein erster Direktor von anerkannt internationalem Zuschnitt wurde Gustav MIE 1905-1917. Dessen Nachfolger im Amt war Johannes STARK, der zu den führenden Gaselektronikern seiner Zeit zählte und mit diesem Spezialgebiet jenes Profil der Greifswalder Physik begründete, welches bis in die Gegenwart hinein ihr bestimmendes blieb. Bereits 1902 hatte STARK die Gaselektronik erstmals in einer umfassenden Monographie dargestellt. 1913 gelang ihm mit dem Nachweis der Aufspaltung von Spektrallinien im elektrischen Feld einer Gasentladung seine experimentelle Meisterleistung, für die er 1919 in Greifswald den NOBEL-Preis erhielt. Der eigentliche Stammvater der Greifswalder Gasentladungs- und Plasmaphysik wurde jedoch Rudolf SEELIGER, den STARK Ende 1918 nach Greifswald holte. STARK selbst verließ die alte Hansestadt bereits wieder nach vierjährigem Aufenthalt. Schon mit dem Thema seiner preisgekrönten Dissertation bei Arnold SOMMERFELD in München hatte SEELIGER 1909 das Forschungsgebiet gefunden, welches sein gesamtes wissenschaftliches Leben bestimmte: Die Physik des elektrischen Stromes im Gas. Eine erste fundamentale Entdeckung auf diesem Gebiet gelang ihm zusammen mit Ernst GEHRCKE 1912 an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, nämlich der Nachweis, das die Anregung von Spektrallinien beim Stromfluß durch Gase gewisse charakteristische Mindestenergien der Elektronen erfordert. Die GEHRCKE-SEELIGERschen Elektronenstoßexperimente bewiesen erstmalig die Existenz diskreter Energieniveaus in den Atomen und stellten objektiv einen Vorläufer der berühmten FRANCK-HERTZschen Stoßversuche dar, für die 1925 ein NOBEL-Preis vergeben wurde. Mit der Berufung an die Universität Greifswald fand SEELIGER die Wirkungsstätte seines Lebens. Es war eine Berufung auf Lebenszeit. Als er nach vier Jahrzehnten hier in den offiziellen Ruhestand trat, gehörte er zum engeren Kreis der Pioniere der modernen Gasentladungsphysik und Greifswald zum Kreis der wissenschaftlichen Zentren dieses Gebietes. Gelegentlich wurde in diesem Zusammenhang in Anlehnung an das Mekka der Atomphysik: --Kopenhagen--, von Greifswald als einem Mekka der Gasentladungsphysik gesprochen. Die Leistungsfähigkeit der SEELIGERschen Schule der Gaselektronik hatte mehrere Wurzeln, die alle der weitsichtigen Diktion ihres Gründers und Leiters entstammten.
Kennzeichnend für die Nach-SEELIGERsche Ära der Greifswalder Gaselektronik war die bewußte Fortsetzung der Kontinuität als Randbedingung einer strikten Konzentration auf wenige aktuelle Themen. Solche Schwerpunkte waren z.B.:
Als wesentlich neu aufgenommene Themenbereiche können für diesen Zeitraum die Theorie dichter, nichtidealer Plasmen (in enger Kooperation mit der Universität Rostock) und Untersuchungen zur nichtlinearen Dynamik des Plasmas genannt werden. Insgesamt ergaben sich für den Fortbestand der Greifswalder Gaselektronik
nach der deutschen Vereinigung günstige Bedingungen. Belege dafür
sind die Einrichtung des Sonderforschungsbereiches 198 "Kinetik partiell
ionisierter Plasmen" sowie die Ansiedelung außeruniversitärer
Institute. Der SFB 198 befindet sich gegenwärtig in seiner dritten
Bearbeitungsphase und ist der erste und bisher einzige in Mecklenburg-Vorpommern.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Gasentladungs- und Plasmaphysik in Greifswald gegenwärtig an der Universität und den ansässigen Instituten der LEIBNIZ-Vereinigung sowie der Max-PLANCK-Gesellschaft über ein beachtliches Potential in allen drei Basisbereichen verfügt: dem
Kürzlich hat das Institut für Niedertemperatur-Plasmaphysik
hier einen modernen und großzügigen Neubau bezogen. Der Neubau
des für Greifswalder Verhältnisse gewaltigen MPG-Teilinstitutes
mit dem Stellarator-Fusionsexperiment "Wendelstein 7X" steht kurz vor dem
Abschluß. Für die universitäre Physik ist langfristig ein
Neubau im geplanten Campus vorgesehen.
Prof. Dr. Alfred Rutscher, Greifswald 1999 |
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B. Krames, 13.5.2000